Dienstag, 7. Dezember 2010

Antiquariat aktuell: Eine Peinlichkeit und zwei Gefahren




Zur Auflockerung zwei Randbemerkungen zum neuesten Varia-Beitrag in meinem Lieblingsnetzdienst, den ich nie ohne stille Rührung lese


1) Die große Gefahr für Antiquare, der europaweit revidierte "Kinder"-Begriff

Nach wie vor geht es bei den Pornographie-Regelungen aus Sicht der Antiquare nicht um den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, wie das Börsenblatt richtig erkennt, sondern um den Charakter ihrer Bestandstitel als "Jugendpornographie". Wenn die hysterische, von feministischen Interessen Hand in Hand mit puritanischem Gezicke aus England und den USA planvoll gesteuerte Einstufung vollbusiger und vollbärtiger Jugendlicher zwischen 16 und 18 als "Kinder" in einer europäischen Richtlinie verabschiedet wird, dann kann ein durchgeknallter Staatsanwalt bei jedem zweiten Antiquar Haussuchung veranstalten - man frage den geschätzten Kollegen Feucht in Allmendingen, wie lustig sowas ist. Pornographische, weil Jugendliche nun auch zwischen 16 und 18 Jahren "aufreizend" darstellende/behandelnde Texte und Bilder sind demnächst grundsätzlich der Willkür unserer seltsamen Volkswart-Nachfolgerinnen preisgegeben. Jeder Kollege darf zittern. Bei näherem Hinsehen ist das leider schon beschlossene Sache, es hat nur fast keiner gemerkt. Wir Antiquare, die es angeht, sowieso nicht - wie denn auch.

Ich habe diese Frage vor unendlich langer Zeit in einem streckenweise arg überholten Blog

"Jugendpornographie"

behandelt, den man als Antiquar auch heute noch lesen sollte. Er wird von mir freilich nicht nachgeführt und bedarf der Aktualisierung. Ich werde mich erst dann wieder an eine Weiterführung machen, wenn "aufreizende" Aktaufnahmen und Aktzeichnungen, "aufreizende" literarische Texte, die von 17jährigen "Kindern" mit Brummbaß oder dito gestandenen 24jährigen Friseurmeisterinnen , die "wie 17 aussehen" - - zur Pornographie werden. Das steht unmittelbar bevor, und dann werde ich den Blog fortsetzen. Ein wenig freue ich mich schon darauf, denn natürlich ist das alles eine ungeheure Peinlichkeit, nur lächerlich und ohne jede präventive Wirkung, den deutschen Richtern und Staatsanwälten mehr als unangenehm, aber was wollen sie machen?


2)

Das E-Book-Programm von Google wurde von mir schon vor Monaten ausführlich diskutiert, nicht unter diesem Namen, sondern mit der etwas nebulösen Formulierung, "...wenn endlich ein gut handhabbares und pfiffiges Hilfsprogramm für das Lesen und Ausdrucken der Millionen eingescannter Texte zur Verfügung steht - dann gnade uns Gott..." und soweiter, Sie kennen mich ja, ich habe diese Möglichkeit damals seitenlang ausgewalzt, die Kollegen haben nur verärgert gegähnt, begriffen hats keiner. Ich eigentlich auch nicht.

Wir sind durch die miserable Qualität und die grotesk hohen Preise der Nachdruckhefte/ Bücher aus den USA in letzter Zeit etwas eingenebelt worden, denn solche Verwertung eingescannter Drucke war in der Tat ungefährlich. Nun aber ist es soweit, die Situation ist da.

Das Börsenblatt ist in einer peinlichen Lage, denn es hätte nun ja schreiben müssen, daß es angesichts dieser unmittelbar bevorstehenden Katastrophe nur e i n e Lösung gibt, nämlich die durchgreifende, schnelle Umgestaltung unseres Angebots in einen S a m m l e r - Markt. Eben nicht nur im hochpreisigen Bereich und/oder in den traditionellen, eher wenigen Sammelgebieten, sondern womöglich und eigentlich überall, in allen Sachgebieten und alle Bücherarten betreffend. Da das mein Projekt ist, darf es davon nicht berichten.

Trotz der ganz fürchterlichen Gefahr, die das Google-Angebot für alle Kollegen heraufbeschwört, verschweige Ihnen nicht, daß ich das Zusammentreffen dieser Google-Neuerung mit meinem

*Generalprojekt zur Umgestaltung des gesamten Antiquariats in einen Sammlermarkt nach Briefmarkenvorbild

sehr begrüße. Denn nun gilt es mit verdoppelter Energie ans Werk zu gehen.




Das "aufreizende" Foto stammt aus der Meisterhand von Rittlinger. In treuem Gedenken an den großen Sportler und Bildkünstler danke ich für die Verwendungsmöglichkeit.

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