
(Der Webseitenverbund Meyer/Kroko Nr. 4)
Redakteur Biester vom Börsenblatt-Netzdienst frägt seine Leser, was der Begriff "Auch-Antiquar" meine und weckt damit, ich verwette meinen alten Hut, nichtsahnend wieder einmal alle bösen Geister bei den Antiquaren auf, die nichts lieber tun als auf vermeintlich berufsfremden steuerabstinenten Randfiguren unseres Gewerbes herumzuhacken. Manchmal frage ich mich, ob er die Antiquariats-Szene, über die er zu berichten hat, nicht als Nähverein älterer Damen und Ästhetenrunde abgehobener Bibliophiler auffaßt. "Laßt uns mal nett plaudern über schöne Bücher, lauschige Ladenantiquariate und edle Messen".
Da befällt ihn natürlich der große Schrecken, wenn Mulzer am Horizont auftaucht und die Idylle stört. Nun war doch gerade so schön Ruhe... Was könnte Biester mit seiner profunden Kenntnis aller Antiquariatszweige bewirken, wäre er nicht so furchtsam, würde er nicht derart offenkundig dem Kreis der Edelantiquare zugeneigt sein. Ich habe den leisen Verdacht, daß er noch nie in seinem Leben einen echten Privatankauf mit Hausbesuch auf Inserat hin erlebt hat, daß ihm die untere und vor allem die mittlere Praxis unserer Kollegen gefühlsmäßig fremd ist. Das ist zu bedauern. Muß es so bleiben?
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Zu dem großen, sehr törichten und offenbar unausrottbaren Irrtum, daß unsere Kunden vorwiegend bestimmte einzelne Titel begehren und suchen würden, kommt ein weiterer, über den lang nicht mehr gesprochen worden ist - auch weil w+h für über 500 Antiquare das Bibliographieren auf Knopfdruck automatisiert hat. Wozu da noch nachdenken?
Wer unter unseren Kunden will denn eigentlich jene klassische Titelaufnahme, die wir abliefern (oder doch nach herrschender Lehrmeinung abliefern sollten) ? Findet da nicht in Wahrheit ein absurder Spitzentanz statt, eine groteske Massenonanie, ein lächerlicher und würdeloser Selbstbetrug bildungsheuchelnder Kunden und dienstbeflissener Antiquare?
Natürlich brauchen wir, um unsere edlen bibliophilen Kollegen und Kunden flugs beruhigt zu haben, im Bereich der teuren, der komplizierten und sehr kniffeligen Titel immer eine exakte Titelaufnahme und Buchbeschreibung. Jeder Antiquar muß das können.
Aber er muß seine Fähigkeiten nicht dort anwenden, wo sie im Mittel- und im unteren Feld ganz einfach unnötig erscheinen wie ein Kropf. Im Bereich der Bücher unter etwa 20 Euro, also bei rund 90 % unserer Titel, müssen wir uns Gedanken machen über eine radikale Vereinfachung unserer Buchbeschreibungen. Ich stehe nicht an, hierfür den Speerschen Begriff der E n t f e i n e r u n g anzuwenden, auch wenn es sich hier nicht um Kriegslokomotiven handelt (Kollege Dumjahn, ich grüße Sie), sondern um Standardtitel.
Dazu müssen lockere Standards ausgehandelt und vereinbart werden, auch das ist eine der Gemeinschaftsaufgaben, die wir qua Zersplitterung der Berufsorganisation nicht zuwege bringen. Unsere neue Sachgebietsabfrage der Einzelwebseiten ermöglicht da nun einen ersten Einstieg auf dem Umweg über die Konvoluttechnik.
Der neue Antiquar, Herr seiner eigenen Webseite, nicht mehr Sklave der Einzeltitel-Datenbanken, ändert natürlich auch seine innere Geschäftsorganisation. Jeder Ankauf und das gesamte alte Lager wird in die empfohlenen rund 100 Sachgebiete eingeordnet. Der Antiquar ist jetzt Verwalter einer gigantischen K ä s t c h e n - Landschaft.
Diese Vor- und Feinsortierung steht im Kern der neuen antiquarischen Arbeit, wie sie sich durch den RFMeyer/Kroko-Webseitenverbund ergibt. Am Rand ist zu bemerken, wie töricht streckenweise die "klassische" Antiquariatsausbildung nach Schema Wendt und (ich fürchte) auch die Frankfurter Schulungen bisher gewesen sind. Denn der Antiquar der Zukunft muß in erster Linie ein genialer Organisator sein. Er fängt wie ein Staubsauger das schreckliche Durcheinander der Buchnachlässe auf, teilt es in rund 100 Sachrubriken ein - eine hochqualifizierte Arbeit schon deshalb, weil sie blitzschnell geleistet werden muß - und bietet die Ware dann nach Sachgebieten an.
Bessere Titel muß er, ohne sie immer nachzuschlagen, aus dem Kopf und/oder dem Gefühl erkennen und sie einzeln anbieten. Oft aber wird er nun endlich auch wieder auf die in der D a t e n b a n k d i k t a t u r ganz verlernte
K o n v o l u t t e c h n i k
zurückgreifen. Mit der neuen Sachgebietsanfrage kann er auf seiner Webseite endlich wieder Sachkonvolute anbieten. Das hat mehrere Vorteile. Der Kollege arbeitet weitaus o r g a n i s c h e r als beim fürchterlich nervenden Eingeben diverser Einzeltitel in Serie (wie bewundere ich Koll. Wimbauer, wenn er nächtelang Einzeltitel eingibt und auch noch darüber twittert, vergnügt berichtet und nicht wie ein Gekreuzigter über die Stadien seiner Qualen). Es macht zum zweiten nun auch dem Kunden einen größeren Spaß, wenn er sich mit den Konvolut-Angeboten seines Antiquars beschäftigen kann - ein geradezu intimer Dialog zwischen Antiquar und Kunde entsteht dadurch, ohne daß Worte zu wechseln sind.
Wenn ich 10 Titel zu "Thomas Mann und sein Umfeld" oder zu "Eigenheim, Bausparkasse, Wohnungsbau 1950-1980" anbiete, mit Kurztiteln, den Konvolut-Preis über den Daumen gepeilt, zwei Scans dazu, ein launiges Sätzchen über Nierentische - dann ist das eine völlig neue Internetwelt auch für den Kunden. Und sowieso für den Antiquar, der wie der Volvo-Arbeiter nicht mehr am Fließband, sondern ganzheitlich am Wagen arbeiten darf.
Daß ohnehin unsere Versandmisere zur Konvolutbildung einlädt, liegt auf der Hand - die Portokosten sind ein immer unterschätzter Bremsfaktor im Altbuchabsatz. Konvolute per Hermes-Paket oder mit DHL-Marken sind einfach billiger zu versenden, schneller zu verpacken, eleganter zu fakturieren.
Wir sollten dem Kunden schon zutrauen, auch Doppelstücke zu erwerben. Unsere Kunden hatten vor Jahren sehr oft ein kleines, recht geschicktes Doppeltitel-Management zuhause eingerichtet, das wird sich wieder erwecken lassen als guter Brauch des Büchersammlers, der gern Konvolute erwirbt.
Die besseren Einzelstücke aber muß und kann der Antiquar im neuen Webseiten-Sachgebietsabfragesystem jetzt ausführlicher bearbeiten. Die Google-Pages lassen ihm b e l i e b i g Raum zu Beschreibungen, Kommentaren, hier darf er nun auch - ein wichtiger Punkt - anders als in den Datenbanken L i n k s zu Wiki- und anderen Seiten nach Herzenslust einstellen. Er wird aus jedem guten Einzelstück also ein kleines, durchaus individuelles Auftrittsfestchen machen - hier gilt ja nun keine Datenbank-Normierung mehr, er hat freie Hand.
So sind Konvolutbildung und f r e i e Einzelstückbeschreibung zwei kleine, aber wichtige Bausteine des neuen Systems.
Nachschrift: Das liebe ich an der deutschen Sprache: "Webseitensachgebietsabfragesystem"
Das Foto gehört stadtgespraeche.com.
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