Dienstag, 7. Dezember 2010

Reform im Antiquariat - nur im Alleingang möglich




Kennen wir uns selbst - kennen wir unsere Kunden?

Vor einigen Jahren tat ich mich sehr schwer mit einem Sachverhalt, der sich dann als schier unlösbares Schichten- und Strukturproblem entpuppte.

Das kam so. Kaum hatte ich mich eingestellt darauf, daß mit wort- und geistreichen Antiquaren zu verkehren sei wie mit älteren, grundgescheiten Gymnasiallehrern, fuhren mir staubtrockene Kaufleute mit dem Horizont eines Lübecker Gemüsehändlers an den Wagen, mit der Aufforderung, ich solle erst einmal gescheite Fakturen und Mahnbriefe verschicken und im übrigen den Mund halten, denn das Antiquariat sei ein An- und Verkauf und wenig mehr, basta. Darauf erklangen wieder die Flötentöne unserer Oberästheten vom Dienst und ergriffen lauschten wir dem Hohelied des Antiquariats, gesungen von Biester und seinem gelben Edelblatt. Die rauhe Wirklichkeit holte mich wieder herunter, denn Ton und Inhalt antiquarischer Diskussionen anderswo, in Ebay-, Amazon- und Geizmonsterforen waren überwiegend schauerlich. Ein Antiquariat der Fischweiber und Pizzahändler? Schnell wieder den Blick nach oben gerichtet. Und dort? Fassungslos stand, und stehe ich noch, vor den philosophisch-soziologischen Ergüssen, die nicht nur aus Radebeul und Berlin, sondern zu Zeiten auch von Kretzer et alii so leicht aus dem Ärmel geschüttelt werden, als schrieben sie Einkaufszettel.

Nein, so nicht, rufe ich in Alpträumen und erhoffe mir Rettung aus dem Würgegriff der Philosophen bei den Ästheten, den Künstlern, den Literaten. Zwischen Opferaltären für Jean Paul, und, nicht minder problematisch, den Feierstunden für Ernst Jünger hin- und hergerissen, fliehe ich auf neutrales Terrain - hier stehen ergriffen die jungen und alten Greise der Maximiliansgesellschaft und anderer bibliophiler Vereinigungen des Schreckens und feiern sich und die verschwundenen Ideale ihrer eigenen Jugend mit Tränen in den Augen. Aber schon kommt bookmarathon und holt uns in ihre geniale Ramschwirtschaft herunter. Wird uns der Verband retten? Sehe ich mir näher an, was im Reiche der Wetscherek und der Karl-May-Experten an oberbayerischen Seen so abläuft, von niederrheinischen Qualitätsantiquaren zu schweigen, dann ist mir das noch weit weniger sympathisch.

Ist jemand in der Lage, dieses heillose Durcheinander anders aufzudröseln als durch das sattsam bekannte Schichtenmodell nach System Mulzer, inzwischen auch schon eine Zwangsvorstellung? Mit anderen Kriterien kommen wir nicht weiter, auch nicht mit einem an sich naheliegenden Gesetz der zunehmenden Intelligenz oder wenigstens Berufsweisheit. Denn jeder von uns kann Fälle aufzählen, wo grundgescheite und erfahrene Kollegen eine kümmerli che kleine Klitsche betreiben und nicht hochkommen, während in den obersten Edel- und Messeebenen zum Teil törichte, dümmliche Antiquare mit blendendem Erfolg am Werk sind. So extrem wie im Antiquariat kann man unlogische, unerklärliche Gegensätze und Abstufungen sonst kaum beobachten. Auch das Getöne von der genossenen Ausbildung scheint wenig aussagekräftig; wir waren uns in Freiburg schon vor 40 Jahren einig, daß die dümmsten, unsympathischsten Antiquare die mit kaufmännischer und/oder Neubuchhändlerausbildung waren. Weiß der Teufel, wieso das bis heute recht oft zutrifft, eine Erkärung dafür habe ich nicht.

Wohl aber bin ich mir heute, als Fazit unter dem letzten Strich im Hauptbuch meiner Auseinandersetzung mit den werten Kollegen, ganz sicher:

Es ist nicht sinnvoll, irgendwelche Rücksichten auf Wünsche und Eigenarten der Antiquare zu nehmen. Es hat keinen Sinn, darauf zu horchen, was sie wollen, was sie meinen. Wir erhalten bestenfalls typische Meinungsschwerpunkte aus den jeweiligen Schichten, aber nicht einmal das ist immer möglich.

Jeder, der irgendetwas "mit dem Antiquariat machen" möchte, wird also nicht auf Gruppen-, Vereins- oder Verbandsebene oder durch Umfragen, Abhören, Abtasten der werten Kollegen/innen versuchen voranzukommen. Das sind Irrwege, auf denen sich kaum einer mehr verirrt hat als ich.

Die K u n d e n, das haben wir zuletzt im Briefmarken-Aufsatz betont, sind in unserer Absatzstrategie weiches Wachs, eine bewegliche, verschiebbare, im guten Sinn "manipulierbare" Masse. Auf ihre Wünsche und Meinungen bnehmen wir scvhon deshalb keine Rücksicht, weil wir sie ja zu neuen, ihnen noch gar nicht bewußten Wegen und Arten des Sammelns hinführen und überzeugen wollen.

Ich schreibe diesen grundsätzlichen Text, weil ich spüre, daß sich manche Kollegen durch mein eigenmächtiges Vorgehen leise gekränkt fühlen. Da hat sich einer jahrelang um unsere Kooperation bemüht, und nun behandelt er uns als Luft?

So mag es scheinen. Aber anders kommen wir nicht weiter.

Es geht um den U m b a u unserer Käuferschichten, um die Neustrukturierung des Büchersammelns. Ganz praktisch, sehr naiv, mit beiden Füßen auf der Erde. Geist, Philosophie, Ästhetik und Kunst geben wir den Hasen.

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