
Werte Trauergemeinde,
1.
wollen Sie meinen absoluten Alptraum kennenlernen? Es ist einer von der Sorte, in denen wir schweißgebadet aufwachen, nur um nicht noch weiterträumen zu müssen.
Ich träume davon, wie Leander Wattig und unser Soloantiquar, Helmer Pardun, an einem Tisch sitzen und beschließen, von Stund an gemeinsam die Antiquare zu beglücken.
Von Wattig kommen auf uns Antiquare Projekte ohne wesentlichen Inhalt, aber mit einfallsreichen Hüllen und leeren Strukturen (die Facebook-Kritikseite, die ihn vom Thron schubsen will, geht übrigens nicht auf mich zurück). Pardun läßt dagegen uns Einblicke tun in die Labyrinthe seiner sozio-philosophischen Gedankengänge. Vermutlich kann außer unserem Hausphilosophen RFMeyer kein Antiquar etwas damit anfangen, aber das ficht Pardun nicht an. Wir dürfen noch viel Anspruchsvolles, wenn auch ziemlich Dunkles von ihm erwarten.
Wir lesen heute in seinem Blog:
"Was das Internet, was die Arbeit im World Wide Web beflügelt, sind Innovation, Partizipation und Medienkompetenz. Ob digital oder real, virtuell oder regional - Kunden wollen Kompetenz.",
zu dem mir, um das Wortgeklingele zum Dada hin zu erweitern, die Alliteration " Ob digital oder real, virtuell, regional oder irrational" eingefallen ist, ganz spontan, wofür ich um Verzeihung bitte, es ist ja sowieso leeres Strohgedresche, der Sinn ändert sich kaum - - und den zweiten Satzteil erweiterte ich zu: "Kunden wollen Kompetenz - aber Antiquare haben sie nicht."
Bis hierhin, in seiner Aneinanderreihung von aufgeplusterten Selbstverständlichkeiten, bleibt Pardun im gewohnten Fahrwasser. Dann bringt er drei leider nur auf den ersten Blick sinnvolle Sätze. Ich darf zitieren:
"Antiquare sehen noch nicht, oder sie übersehen noch immer gern, dass sie im Internetzeitalter wichtig sind und wichtig werden können
als (1) Kultureinrichtung, Bildungspartner, Gestaltungselemente der Forschungs- und Wissenschaftsinfrastruktur,
als (2) kulturelle Ereignisorte für Inspiration und Kommunikation, z. B. in der Schaffung und Anwendungen von Informationen und nicht zuletzt auch
zum (3) Zweck des Wissens und der Fantasie, des Verständnisses und des Vergnügens ".
Da gilt es nun hurtig aufzuräumen:
Zu Punkt (a) Ein Antiquar ist keine Kultureinrichtung. Du meinst "das Antiquariat" oder "die Webseite des Antiquars". Dann sag es auch so!. - Was ist, o Gottchen, ein "Bildungspartner" ? - Wie soll ich mir den Antiquar als "Gestaltungselement" vorstellen? - Was unterscheidet "Wissenschaft" von der "Forschung"? Ist Forschung kein Bestandteil der Wissenschaft? Kollege Pardun, der Satz unter (a) ist schreckliches Geschwurbele.
Zu Punkt (b) Nun soll "der Antiquar" auch noch ein "Ereignisort" sein? - Wodurch unterscheide ich "Inspiration" (Sie meinen den Begriff doch hier aktiv-transitiv, also "jemanden inspirieren") von "Kommunikation? Ist aktive Inspiration nicht immer Kommunikation? - Was, o Kollege, ist bitteschön die "Schaffung" von Informationen? Und ist die "Anwendung" einer Information hier nicht eine unzulängliche Vokabel, handelt es sich nicht eher um "Nutzung" oder "Umsetzung"?
zu (c) Dient nun der Antiquar - vielseitig verwendbar - auch noch "zum Zweck des Wissens"...? Ich fasse es nicht. Was bitte unterscheidet "Wissen" und "Phantasie", wie trennen wir "Wissen" von "Verständnis", was soll uns Antiquaren, die wir ja offenbar bei Pardun zu allem herhalten müssen, der Schwurbelbegriff des "Vergnügens"?
Die Sätze a-c stammen aus dem Musterbuch des W o r t e k l i n g e l n s, das sich an den Formulierungen berauscht, ohne auf den Sinngehalt des Formulierten zu achten.
Kollege Pardun, ich will nicht herzlos erscheinen, aber wer sich an der deutschen Sprache vergreift, der darf Schonung nicht erwarten.
Ich beschließe die Exkursion in Parduns jüngsten Webtext mit dem Schlußabsatz, in dem er seine ganze Dröhn- und Nebelhornformulierungskunst auf die Spitze treibt:
"Zur Ausgangsfrage: "Social Media im Antiquariat - Dumm 2.0 oder Drum 2.0?" - In einer ersten Annäherung wird eine einigermaßen treffende Antwort weder "Ja" oder "Nein" zu einer von beiden der Alternativen sein können, sondern wohl nur entlang eines Maßstabs zu geben sein, der da lautet: "Es kommt schon sehr drauf an, warum, wieviel und was man draus macht."
Ja f r e i l i c h, zum Donnerwetter und krutzitürken, St. Antonius bitte für uns - - was denn s o n s t ? "Es kommt schon sehr drauf an, warum, wieviel und was man draus macht." - Das ist doch eine Nullinformation der allerschlimmsten Sorte. Weshalb schreiben Sie sowas hin?
2.
Nun eine praktische Überlegung, was die "Kompetenz" der Antiquare betrifft.
Ich hatte vor Jahren einige (leider schlechte, weil oberflächlich und hastig geschriebene) sogenannte "Ratgeber" bei Ebay verfaßt zu antiquarischen Sachbereichen. Sie sind inzwischen hoffnungslos veraltet und könnte ich sie löschen, dann hätte ichs längst getan.
In der Folge erreichten mich ein Jahr lang erstaunlich viele Anfragen von mir bisher nicht bekannten Ebay-Kunden zu den behandelten Themen - Ergänzungen, besondere Aspekte, konkrete Beschreibungen von Waren, Nachfragen nach Preisen, Klagen über Antiquare usw. Ich habe sie brav beantwortet und dabei entdeckt, daß solches geduldiges Tun
*Freude macht und
*schöne Kundenkontakte bringt.
Dann schrieb ich keine weiteren Ebay-Aufsätze und die Anfragen versickerten nach und nach.
Als eine von vielen möglichen Lehren aus der (in der Sache) richtigen Ermahnung Parduns, sich doch den neuen kommunikativen Möglichkeiten im Netz zu öffnen, sie zu nutzen, hätte ich folgende Idee beizusteuern:
Die Antiquare könnten ein (leider inzwischen unvermeidliches Unwort:) "Kompetenzzentrum" einrichten, an das sich alle Kunden wenden würden, die irgendeine Sach- oder Procedere-Frage aus dem gesamten Bereich des Antiquariats auf der Seele haben.
In einer zentralen, übersichtlich nach den Themen unseres Berufs geordneten Zentralseite des "Kompetenzteams" würden ihre Fragen per Email oder Brief entgegengenommen und dem betreffenden Antiquar zugeleitet, der für das jeweilige Thema zuständig ist.
Jeder Kollege sollte sehr enge und genaue Sachbereiche angeben, in denen er sich, ehrlich und realistisch, für sachkundig hält - so, daß er notfalls auch telefonisch, in Talkshows oder auf Messe-Podien dazu sprechen kann, ohne Handbücher zurate zu ziehen.
Bei mir wäre das z.B.
*Zeitungen (nicht Zeitschriften)
*Pornographie, Sexualwissenschaft
*historische internationale Kriminologie bis 1950
*unkonventionelle Gegenstände im Antiquariat wie Broschüren, Plakate, Landkarten, Geschäftspapiere, Lesezeichen
*Portofragen
*Bibliotheks- und Archivwesen
*Internetrecherche im Bereich der Geisteswissenschaften
*juristische Fragen im Antiquariat
Man sieht, worauf es ankommt: Die Kompetenzbereiche müssen sehr präzise angegeben werden. Da ist vom Antiquar eine Bescheidung auf die Terrains notwendig, in denen seine Kenntnisse der Probe standhalten.
Die damit verbundene Arbeit, die Auskunftserteilung, ist nicht unerheblich. Ich schlage vor, gewisse Standards festzulegen, jede Auskunft z.B. auf dem eigenen Firmenbriefpapier und mit Unterschrift verantwortlich zu erteilen (Ausnahme Rechtsberatung), kostenlos zu arbeiten, zeitintensive Recherchen nach Rücksprache mit dem Kunden auch mal zu berechnen mit einer Art Schutzgebühr.
Viele der Kompetenzen werden sich überschneiden. Wir sollten diskutieren, ob wir das so stehen lassen und bewußt mit Doppelungen und Überschneidungen arbeiten wollen - oder ob eine hierarchische Regelung und Einteilung besser wäre. Ich wäre für Mehrfachnennungen und Überschneidungen, vorausgesetzt es gelingt uns, eine überschaubare graphische Gliederung aller Antiquariatsfragen in einer Übersichtsseite darzustellen.
Diese Kompetenz-Webseite der Antiquare hätte es längst geben sollen, aber zum Anfangen ist es nie zu spät.
Das ist nur eine von vielen möglichen Ideen für direkteres, neues Arbeiten im Internet. Insoweit hat Kollege Pardun unbedingt recht und ihm sei, wenn auch leise grummelnd, dieses Ehrenkränzchen gewunden. Er hatte die richtige Idee.
Schönes Wochenende wünscht Ihnen
Peter Mulzer
Das Foto zeigt ein recht vergnügtes Kompetenzteam im Medizinbereich. So ähnlich könnten Antiquare auch dasitzen, könnten sie nicht? Soweit ich sehe, gehört das Bild der Süddeutschen Zeitung.
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