Mittwoch, 1. Dezember 2010

Das neue Büchersammeln nach Briefmarkenart


Nebst einer Vorrede über die Diskussionskultur unter Antiquaren



Wie der geneigte Leser weiß, bin ich mehr fürs Konkrete. Wohlgesetzte, aber neblige Weisheiten möchte ich nicht von mir geben, wir haben von dieser Sorte genug in unserem Berufsstand. Bei mir werden, wenns irgend geht, in den Texten die Ärmel aufgekrempelt und dann beginnt die praktische Arbeit. Daß dabei oft der Anstand und die feine Literatenart auf der Strecke bleibt, verbuchen Sie bitte unter Kollateralschaden.

Ich hab was gegen die pseudomoderne Lehre von Werbe- und Imagemaßnahmen, mit denen man die Kundschaft "bewegen" möchte zu diesem oder jenem, indem man platte, möglichst noch doppelsinnige, immer aber auf Kindergartenniveau sich befindliche Allerweltssprüche systematisch verbreiten will. Werbepsychologen vom Schlage Leander Wattigs servieren dann noch etwas wohlfeile Statistik und fertig ist die Imagepflege, die unser Elend beheben und den Berufsstand retten soll.

Natürlich tut sie das nicht, und je grauenvoller die Aussichten für notleidende Handelszweige sind - Paradebeispiel der unabhängige Neubuchhandel -, desto erbarmungsloser werden die ratlosen Schafe mit untauglichen Schäferhunden und Schäfern eingedeckt. Auch verteilt man gern kleine Handzettel und Plakätlein, sponsert törichte junge Dichter oder läßt sie halbverhungert vor zehn strickenden alten Damen Gedichte rezitieren.

Unser neugebackener Kollege Weinbrenner, von dem ich immer noch nicht recht weiß, ob er es ernst meint mit seinem Streben und Handeln, hat uns ein weiteres Tu-es-nicht vorgeführt: Wer immer auch Projekte entwirft für die Hebung und Reformierung eines Berufsstandes, muß aus dem Beruf kommen, mit ihm vertraut sein, je länger je besser. Leander Wattig und Weinbrenner kamen beide aus anderen Welten und wollten Werbestrategien entwerfen für ein Gebiet, das ihnen absolut nicht vertraut war. Das konnte nicht gut gehen.

Ich bin überzeugt, daß alte Kämpfer unter uns die richtigen Rezepte durchaus bereithalten. Warum sie damit nicht hervortreten, kann ich aus dem kleinen Kreis mir bekannter schreibender Antiquare ins Ungefähre hinein vermuten. RFMeyer ist au fond ein philosophisch-ästhetischer Schöngeist. Wo er sich ins Konkrete begibt (oder soll ich sagen verirrt), hat er geniale Einfälle. Sie aber weiterzudenken oder auch nur zur Diskussion zu stellen, liegt ihm gar nicht. Man müßte ihn in eine lebendige Forendiskussion hineinzwingen, viele Tage lang. - Plocher hatte ich vor Zeiten dadurch verärgert, daß ich seine literarische Ernsthaftigkeit ironisierte und ihn einer kleinen Psychoanalyse unterzog. Der daraus entstehende Briefwechsel ergab, daß es ihm ernst ist mit seinen Dichtern, ein Antiquar, der seine Bücher liebt. Meine Hochachtung hat er; aber in der Folge müssen wir damit leben, daß von ihm nichts, aber auch gar nichts Praktisches, Konkretes, dem Berufsstand Hilfreiches zu lesen ist. - Von einem hier nicht zu nennenden Düsseldorfer Kollegen ist außer galligen, ironischen, durchaus geistreichen Randglossen selten einmal Konkretes zu lesen. Er verwechselt - hier mit Weinbrenner und Kretzer einig - berufsständische Arbeit mit Geheimdiplomatie. Die Folge von solcher Öffentlichkeitsscheu ist ein Stagnieren der gemeinsamen Diskussion. Dann gibt es noch Kollegen wie Stormchen, die - selbst im Rahmen großer Medienprojekte - es fertigbringen, auch nicht eine Zeile eigener Texte von sich zu geben, als sei es verboten zu schreiben. Wimbauer ist so glücklich mit seinen Katzenbüsis, trostloser Titelaufnahmefron und hoffnungsvoller Verlagsarbeit, daß er sich in die Niederungen antiquarischer Berufsdiskussionen nicht begeben mag.

Generell vermisse ich, wie auch in den meisten Webseiten der Antiquare, elementaren M u t. Ich suche vergeblich nach Zeichen der Zivilcourage, nach dem geglückten Wagnis, sich freimütig, ungeschützt und öffentlich zu äußern. Mit den ewigen Apercu- und Bonmot-Kommentatoren kommen wir schon gar nicht weiter. Könnte man dagegen Kolleginnen wie bookmarathon, der wir ausgezeichnete lange Analysen verdanken, zu regelmäßiger Mitarbeit gewinnen, käme man ein gewaltiges Stück voran. - Zu diesem Thema wäre nun noch manches zu schreiben, auch zum Trauerspiel des Solo-Antiquars, der hervorragende strategische Aufrisse zu Papier bringt, in der Ausführung dann aber entweder ganz unverständlich bleibt oder aber leere Rubriken hinterläßt.

Alle diese Energien müßten gebündelt werden. Ich rufe ein weiteres Mal Stormchen auf, seinen Antiquariats-Anzeiger aus dem Husumer Grab wiederauferstehen zu lassen. Wir wissen ja nun vom jahrelangen Zusehen her, daß börsenblatt.net nicht über den ihm gesetzten sehr engen Rahmen hinausgehen will. Da sind Zwänge, die wohl mit jenem seltsamen Werbegebilde zusammenhängen, das - offenbar werbestrategisch mit drei linken Händen begabt - im Dienste des Börsenvereins börsenblatt.net unterhält und Biester mit jenem Geldern versorgt, mit denen er sich in der Mittagspause teure belegte Brödter in Frankfurt kaufen kann. Die seien ihm gegönnt, aber börsenblatt.net enttäuscht uns. Vor allem weil es von seiner Struktur her konsequent vermeidet, zu einem Diskussionsforum der Antiquare zu werden. Deshalb, lieber Stormchen nebst Gattin: An die Front! Wir brauchen ein Forum, eine Plattform für a l l e.

Das war nun eine methodische Einführung in das Gesamtgebiet. Wie Solo-Antiquar bin ich Hauptfach-Soziologe und was man einmal gelernt hat, das bleibt haften: Erst wenn die Voraussetzungen systematisch durchforstet worden sind, soll man sich an das eigentliche Thema machen. Unterläßt man aus Ungeduld oder Schreibfaulheit die notwendigen Struktur-Untersuchungen, dann steht das Ergebnis auf tönernen Füßen, es gleicht dann einer windschiefen Hütte, die allenfalls Plocher erfreut, der seinen Jean Paul darin unterbringen wird.

Ich sagte im letzten Tagebuchbeitrag, daß wir vor der Aufgabe stehen, ein neues, tragfähiges I m a g e für das gesamte Antiquariat zu finden und es dann mit allen Mitteln zu propagieren. Dieses Image muß jener Entwicklung Rechnung tragen, die - wie ich auch an Meinkes jüngsten Kommentaren sehe - nicht mehr ernsthaft in Zweifel gezogen werden kann:

1) .
Das Lesen wird in sehr kurzer Zeit und von Tag zu Tag stärker ins Internet verlagert, wobei die Lesegeräte nur eine - wenn auch wichtige - Zwischenstufe darstellen. Vom "Haptischen" irgendwelche Hoffnungen abzuleiten oder die zur Zeit noch erfreuliche Auflagenentwicklung der Bücher in die nächsten Jahre hinein extrapolieren zu wollen, wäre sehr töricht. Bietet darüber hinaus Google bald noch ein praktisch benutzbares, so Gott will komfortables System zum Lesen und Ausdrucken der gescannten älteren Titel an, dann wird die Entwicklung vom gedruckten Buch weg erdrutschartig verlaufen. Wir sehen am Beispiel der Fototechnik und der Musikindustrie, wie das Unerwartete plötzlich lawinenartig hereinbricht im EDV-Zeitalter.


2)
Der Preisverfall unterer und mittlerer gebrauchter Bücher geht unaufhaltsam weiter, Ebay ist dafür partiell der marktwirtschaftlich verläßlichste Zeuge. Kein Gedanke daran, diesen Prozeß aufhalten zu wollen, besonders wenn sich Punkt (1) bewahrheitet und dem Buch schlicht und ergreifend ein unmodernes, negatives, rückständiges Image zufällt. - Daß jene Prognose, mit der ich vor drei Jahren angetreten war und die da lautete: Amazon wird den deutschen Altbuchmarkt aufrollen und dominieren, sich noch nicht verwirklicht hat, liegt an dem beispiellosen Ungeschick, mit dem Amazon bisher die Erfassung und Darstellung antiquarischer Bücher verdummbeutelt hat. Das muß nicht so bleiben...

3)
Wenn die Bearbeitung von Titeln mit Marktpreis unter 10 Euro sich für den einzelnen Antiquar nicht mehr lohnt, wenn sehr viele Bücher, die heute noch 15-30 Euro bringen, unter ie 10-Euro-Marge fallen, dann werden sich aus schlicht marktwirtschaftlichen Regeln heraus große Gebilde entwickeln, die den Vertrieb solcher Titel in die Hand nehmen. Mein "Haus der Bücher" wird sich ganz ohne unser Zutun verwirklichen, ob durch Amazon oder KnOe oder einen neuen Wölki, das ist schließlich egal. Wichtig ist nur: Wir Antiquare verlieren den Markt der preiswerteren neueren Titel sehr bald und sehr gründlich.

Was aber dann?

Hier setzt nun jene Hausaufgabe an, die ich uns allen stelle und für die ich nur erste tastende Antworten bereit habe. Schließlich müssen viele, möglichst alle erfahrenen Köpfe unseres Gewerbes an solchen Imagestrategien mitarbeiten.

A)
Das Antiquariat muß in seiner Gesamtheit den Charakter des S a m m e l n s alter Bücher verändern und neu betonen.

Es wäre töricht und gefährlich, dabei die Bräuche und Sitten unserer "Edelantiquare" zu übernehmen. Eher im Gegenteil. Wir vermuten, daß Bräuche, Usancen, Milieus und Verhaltensweisen unserer gehobenen Antiquare in Messen und Aktionen, in Edelläden und im Katalogwesen mitschuld sind am Verfall, an der Überalterung unserer Kundschaft. Vermutlich tun wir gut daran, eben gerade nicht die altehrwürdigen Bräuche der Edelkollegen zu übernehmen. Bibliophile Gesellschaften, ehrwürdige Messen haben zu einer Erneuerung und Verjüngung unserer/ ihrer Kunden nicht beitragen können. Sie haben, auf gut deutsch, jämmerlich versagt.

Das kann mit dem leisen Grinsen zusammenhängen, das ich seit dreißig Jahren immer dann auf den Lippen habe, wenn ich das neue Heft von "Aus dem Antiquariat" in die Hand nehme. Ich konnte den gestelzten Ton, die subtile Arroganz, die geschraubte Renommisterei in den meisten Texten der gelben Hefte schon als junger 68er ganz gut durchschauen. Heute empfinde ich sie als rührend unpassend, als völlig vertrocknet und für jüngere Menschen über weite Strecken als - lächerlich und peinlich.

Wenn also die ältere Tradition unserer Edelantiquare und Edelsammler

- lächerliche und peinliche Züge

trägt, wie kann dann ein Image für das Antiquariat der Zukunft gefunden werden, das auch jüngeren modernen Menschen zusagt?

Mein Arbeitsansatz ist die Überleitung des Büchersammelns alten Stils in ein Sammeln ganz im Verständnis und aus dem Geist des

*Briefmarkensammelns.

Daneben können die traditionellen Formen des - mir zutiefst verhaßten - Büchersammelns nach dem Geldwert und des - still geliebten - bibliophil-geistreichen, ästhetischen Büchersammelns weiter bestehen. Aber wenn wir einmal mit Erfolg das Image und die Bräuche des Briefmarkensammelns auf das Antiquariat übertragen, übergepflanzt haben, dann verblaßt jede andere Form des Büchersammelns sehr schnell. Das Sammeln nach Briefmarkenart hat spezifische Sogwirkungen, es verdrängt andere Sammelarten. Aus gutem Grund hat sich kein ernsthafter Sammler mit der Motivphilatelie anfreunden können, auch andere Angriffe auf die Grundstruktur des klassischen Markensammelns sind erfolglos geblieben.

Als Hauptmerkmale des Briefmarkensammelns (hier und im Folgenden immer in seiner klassischen Form gemeint) sehe ich

a) das Sammeln auf Vollständigkeit hin und
b) das Sammeln nach Wertansatz und nach Vorgabe anerkannter Kataloge.

Beide Gesichtspunkte sind, wie wir sehen werden, nicht nur wichtig, sondern sehr hilfreich für die kommenden Absatzförderung im Antiquariat.

Fortsetzung folgt, in der wir die Technik der Imageübertragung vom Briefmarkensammeln auf das Büchersammeln wie auch den praktischen Vollzug des Büchersammelns nach Briefmarkenart behandeln wollen.



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