
Wir tun sehr gut daran, jenen Text, den Kathrin Passig im "Merkur" leider eher verborgen als veröffentlicht hat, zur Kenntnis zu nehmen, ihn hin- und herzuwenden, ihn zu bedenken.
Natürlich ist es unbequem, zusehen zu müssen, wie das eigene Grab vermessen, wie der Grabstein ausgesucht und behauen wird. Schließlich leben wir ja noch, der Neubuchhandel "boomt" und das Antiquariat floriert, wenn auch über Umsatzrückgang und Preisverfall murrend, noch ganz anständig vor sich hin.
Das Erdbeben kündigt sich von fern an. Wer es bei Zeiten hört, kann rechtzeitig das Fluchtgepäck zusammenstellen, kann erdbebensicher bauen, wird die geologischen Spezialkarten mit Gewinn studieren.
Wir haben verschiedene Warnzeichen vor Augen, die die kommende Katastrophe unseres Berufs ankündigen. Kathrin Passigs Verdienst ist es, den wichtigsten, bisher fast ganz überhörten Ton angestimmt zu haben: Die veränderten Lesegewohnheiten im Netz. Mir geht es genau wie ihr - das Buch als statisches, unveränderbares Medium ist mir nach zehn Jahren täglicher Internet-Lesepraxis ungewohnt geworden, es kommt mir vor wie ein schwerfälliges, dickbauchiges Ruderboot. Dahinter verbergen sich nicht nur praktische, nützliche, zweckmäßige Gesichtspunkte - es sitzen schon tiefverwurzelte Gefühlswerte dahinter, wenn ich das Buch als unerträglich schwerfälliges, muffiges Instrument empfinde.
Denn im Netz habe ich den beständigen Dialog zwischen den Büchern, zwischen dem Geschriebenen, die fortwährende tägliche, ja stündliche Erneuerung. Ich genieße die weltweite Gleichzeitigkeit, den Austausch, das Gespräch, die Freiheit. Internet ist wie ein erfrischendes Bad in einer Vielzahl von Büchern!
Nun muß man sehen, daß unser Handeln von Gefühlswerten bestimmt wird, mehr als wir gemeinhin glauben. Wir sind, wie jeder Werbefachmann weiß, Gefühlstrottel, sentimentale Bauchmenschen. Und sicher nicht nur für mich hat das Lesen im Internet die Qualität des Kollegialen, des Freundschaftlichen, des Miteinander, der erfreulichen Zusammenarbeit, das Netz als win-win-Organisation, und daß die Orientierung im Internet (noch) recht schwierig ist, erhöht den Reiz, weil das Sportliche mitspielt.
In Klammern: Daß das elektronische Buch nur eine Zwischenstation zum Lesen im Internet darstellt, steht für mich außer Frage. In wenigen Jahren wird man schallend lachen darüber, daß es "Lesegeräte" n u r für Bücher gab. Das ist ähnlich wie mit den Bildplatten und den Kassettentonbändchen, die wir bald nur noch nur noch im Museum ansehen können. Denn die Digitalisierung des urheberrechtsfreien Riesenfundus an Büchern wird, hoffentlich, bald benutzungsfreundlicher als heute im Netz stehen, und warte nur balde ist die Grenzziehung zwischen neuen Büchern und alten Büchern und, weitere Grenze, hin zum weltweiten Netz gefallen. Wir erinnern uns dann kopfschüttelnd wie bei der Mauer: Wie war es möglich, daß wir solche idiotischen Grenzen ertragen hatten, hinnehmen mußten?
Daß das moderne Buch - ich weiß, gleich muß nun das scheußliche Antiquaren-Wort "haptisch" eingeführt werden in die Diskussion - oft so unerfreulich anzuschauen, in die Hand zu nehmen, ins Regal zu stellen ist, haben die Verleger sich selber zuzuschreiben. Neben der Ursünde der Klebebindung, um jenen Euro einzusparen, den gute Fadenbindung mehr kostet, stehen nachlässige Typographie, widerliche Papiersortenwahl und schamlose Überteuerung am Grab des modernen Buches. Wer mit wachen Augen durch eine Neubuchhandlung geht, der kann sich des Ekels oft nicht erwehren. Nein, das ist nicht "subjektiv", es gibt viele objektive Kriterien im Abgrund der heutigen Buchgestaltung.
Manche modernen Bücher nehme ich mit gelindem Ekel in die Hand. Im Regal sehen sie genauso scheußlich aus, wie sie uns aufgeschlagen beim Lesen fortwährend beleidigen. Fazit: Von erfreulichen Ausnahmen abgesehen ist die moderne Buchproduktion, von anderen Kriterien als dem reinen Informationswert her betrachtet, nicht mehr sammelwürdig.
Das sei nur eine gefühlsmäßige Einschätzung? Ja - eben!. Wenn das Internet inzwischen zu einem Raum des positiven Wohlfühlens geworden ist für viele Nutzer, so ist das moderne Buch ein unsympathischer, gefühlsmäßig als kalt und ungastlich empfundener Bereich. Hier verlagern sich Gefühlswerte aus dem Buchhandel hinaus hin zum Internet. Wenn ich im Netz lese, bin ich kooperativ, nicht alleingelassen, modern, aktuell, h e l l , freundlich, schnell, uptodate - lese ich Bücher, fühle ich mich einsam, isoliert, rückständig, vom Dialog abgehängt, von der Hilfe und Kontrolle durch eine ganze Welt anderer Menschen abgeschnitten.
Daß dieser gefühlsmäßige Bereich der Diskussion von den meisten Antiquaren nicht begriffen wird, dürfte an der seit jeher etwas überalterten Personalstruktur unseres Gewerbes liegen. Wer mit jungen Menschen zu tun hat an Schule oder Universität, für den ist es heute ganz selbstverständlich, die überwältigend positiven Besetzungen des Arbeitens, des Sichaufhaltens im Internet in Rechnung zu stellen und zu erkennen, daß das Buch - auch das alte - ein Auslaufmodell ist.
Wir müßten nun von den weiteren seismographischen Warnzeichen sprechen, würde ich dadurch die Geduld des Lesers nicht über Gebühr strapazieren. Wir sind, das ist auch die Schuld unseres Leitmediums börsenblatt.net, inzwischen in schrecklicher Weise an den Konsum von Häppchen gewöhnt worden. Fachinformation im Antiquariat - gibts nur als kurze Häppchen... Weiß der Deubel, wie und wann sich das in Frankfurt eingeschlichen hat. Was tun sie dort den ganzen Tag? Hat man nicht einmal eine halbe Stunde, um die Gedanken näher auszuführen, die Texte länger zu gestalten? Ich empfinde das inzwischen als beleidigend.
Die weiteren Warnzeichen sind besser bekannt und häufiger diskutiert. Wir sprechen erstens vom Preisverfall in dem einzigen Verkaufsmedium, in dem die Altbuchpreise teilweise noch frei von den Käufern bestimmt werden, im Ebay-Datenbanksystem - bei immens hohen und qualifizierten Zugriffen durch einen Gutteil der lesenden Bevölkerung unserer Republik verfällt der Buchpreis im unteren und mittleren Bereich immer dramatischer. Da gibt es kein Schönreden: Ebay ist von den Nutzerzahlen her absolut repräsentativ, bessere statistische Grundlagen kann es gar nicht geben. Und genau hier beobachten wir den völligen Wertverfall im unteren und mittleren Preisbereich der alten Bücher.
Das ist eine Katastrophe, wenn wir - und da führt kein Weg daran vorbei - das jetzige Geschehen bei Ebay als Menetekel für kommende Preisentwicklungen im gesamten Gewerbe nehmen: Für den einzelnen Händler - nicht unbedingt für eine große zentrale Institution - wird das Anbieten unterer und bald auch mittlerer Altbuchtitel im Netz sinnlos. Es rechnet sich bald auch dann nicht mehr, wenn in der Eigenrechnung des Antiquars Putzfrauenlöhne angesetzt werden.
Ein weiteres Menetekel liegt in der Handlungsunfähigkeit des Gewerbes als Gesamtheit begründet. Ich kenne keinen anderen Berufszweig, der so heillos zersplittert ist in Verbandsfragen, von exotischen Randfeldern wie etwa den Privatdetektiven und (leider) den Psychologen abgesehen.
Aber dazu kennen Sie ja meine Einstellung: Wenn hier keine Gesamtorganisation stattfindet, dann begräbt die kommende Entwicklung uns alle, bis auf wenige Spitzen- und Sammlerantiquare. Eine Schlüsselrolle spielen dabei immer noch die Verkaufsportale. Nicht weil das ZVAB offenbar bei einem Jahresüberschuß von 1,1 Millionen Euro und rd. 500 aktiven Antiquaren aus jedem Antiquar 2000 Euro Durchschnittsgewinn im Jahr erwirtschaftet als Reingewinn, sondern weil ihre bloße Existenz die gemeinsame Fortentwicklung unseres Gewerbes behindert.
Fazit: Wir stehen im Gesamtgewerbe "Antiquariat" vor einer rasanten Talfahrt, die im Kern nicht sachlich, sondern g e f ü h l s bedingt ist. Junge Leute unter 30 leben nicht mehr in der Welt der Bücher, sondern in der des Internets. Wir brauchen sofort gute Strategien, um diese Entwicklung im Antiquariat abzufedern. Im abgeschotteten deutschen Sprachgebiet könnten wir Antiquare uns auf eine halbwegs sichere Insel im großen Bücheruntergang retten, weil wir unabhängig von der Entwicklung im Weltmarkt und (noch!) unabhängig von Abebooks und Amazon agieren können. Aber auch diese Chance besteht nicht mehr lang.
Und wir müssen ein neues Image entwickeln und propagieren, mit dem das Sammeln alter Bücher auch für jüngere, internetgewohnte Menschen attraktiv besetzt wird. Mit der "Ecke für junge Sammler" auf Messen oder Sprüchen wie "Ich mach was mit Büchern" ist es da nicht getan. Aber nicht einmal zur Diskussion und Entwicklung eines neuen, positiven Images mögen wir uns durchringen. Weil auch solche Image-Aktionen ein Mindestmaß an gemeinsamer Organisation veraussetzen würden.
Für das Wendeltreppenfoto danke ich der "Kleinen Zeitung" Wien, die die Urheberrechte besitzt.
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