
(Webseitenverbund nach System Meyer/Kroko Teil 3)
In den vorausgegangenen zwei Beiträgen habe ich uns langsam an den Kern herangeführt, um den es geht. Ohne solch langwierige Wanderung würde man nicht verstehen können, was ich nun zum Abschluß der kleinen Serie festhalten möchte:
Die Antiquare haben ihre W ü r d e heute weitgehend verloren. Schuld an diesem Verlust an Ehre, an Selbstbestimmung, an eigener und fremder Wertschätzung sind allein die Datenbanken. Die Vereinzelung des Buchangebots in den Verkaufsportalen - in selbstorganisiertenden wie tomfolio.com, rarebooks.fr oder antiquariat.de wie auch in den berufsfremden - läßt den Antiquar als Hampelmann, als unmündiges Kind, als hilfbedürftigen Idioten dastehen, f ü r d e n verkauft werden muß.
Wie furchtbar der damit zusammenhängende Imageverlust ist, kann ich bei meinen Ankaufskunden immer wieder beobachten. Sie bieten mir Bücher an, ohne selber Sammler oder Käufer alter Bücher zu sein, und da es sich oft um Akademiker handelt, auf deren Urteil man etwas geben darf, bin ich stets von neuem erstaunt und erschreckt darüber, wie verständnislos sie dreinblicken, wenn ich ihnen sage, daß ich meine Titel als Antiquar fast nur über mehrere große Verkaufsportale anbiete. Je präziser sie nachfragen, je genauer ich ihnen den Verkauf über ZVAB, Ebay, Amazon usw. schildere, je deutlicher ich ihnen die Praxis der deutschen Antiquare beim Listenausfertigen, Datenbankaufliefern und bezüglich der Kosten erkläre, desto enttäuschter und verständnisloser schauen sie mich an.
Es ist für Außenstehende reinweg unbegreiflich, daß sich fast alle deutschen Antiquare in eine etwa 90%ige Abhängigkeit von fremden Verkaufsportalen begeben haben. Der Absatz aus den klassischen Antiquariats-Webseiten ist ja derzeit noch weiter im Sinken begriffen, ohne die Verkaufsportale kann kaum noch ein Kollege überleben.
Damit ist der Antiquar zurückgefallen in den Zustand eines abhängigen Wickelkindes. Die Antiquare sind in einer beschämenden Unmündigkeit befangen, die noch vor 15 Jahren unvorstellbar gewesen wäre.
Es geht dabei weniger um die Gebühren, die beim Absatz über die Verkaufsportale entstehen - vielmehr quält uns die psychologische Misere, die abgrundtiefe S c h a m, die wir als Berufsstand empfinden müssen, weil wir uns in servile, hilflose Abhängigkeit begeben haben.
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Nun war es bisher ja so, daß uns ganz einfach kein Ausweg aus dem schmachvollen Debakel eingefallen ist. Ich nehme mich da nicht aus. Ich hatte monatelang die RFMeyersche Webseiten-Bündnisidee mit mir herumgetragen wie das Känguru sein Junges, ohne daß mir viel dazu eingefallen wäre. Ich spürte aber: Hier liegt eine wichtige Lösung verborgen, du weißt nur nicht wo und wie.
Der Lösungsweg ergab sich weniger durch Theorie als aus ganz praktischen Ergebnissen von V e r s u c h e n. Man muß gerade in Internetfragen immer wieder hin- und herprobieren, es ist da auch viel Mechanisches, Manuell-Praktisches im Spiel.
Der Lösungweg läuft, wie wir in den Folgen 1 und 2 der Serie gesehen haben, über diese Stationen:
*der E i n z e l- Verkauf unserer Titel, das Einzel-Angebot alter Bücher ist ein Irrtum, ein falscher Gedanke. Nur wenn es sich um Versteigerungstitel handelt oder wenn, was weitaus seltener vorkommt als wir bisher glaubten, n u r ein ganz bestimmter Einzeltitel gezielt gesucht wird, nur dann also wird das Einzeltitelangebot seinen Platz behaupten. Ich schätze, daß der Portalverkauf als Einzeltitel auf etwa 10 % zurückfallen wird, daß unsere Listenangebote über die Webseiten 90 % abdecken werden, wenn wir die neue Strategie Meyer/Kroko anwenden.

*die H a u s - Webseite des Antiquariats muß in Zukunft weitaus sorgfältiger und umfangreicher ausgebaut werden als bisher. Jeder Antiquar tritt der Kundschaft persönlich entgegen mit Portrait, Lagerfoto, Glaubensbekenntnis und "Philosophie".
*die neue zentrale Schlüssel- und Verlinkungsseite wird der erste Ansprechpartner a l l e r Büchersammler und Altbuchkäufer. Der Besuch in den Listen- und Katalogfeldern der Webseiten und danach der Besuch des allgemeinen Teils und der anderen Sachteile der Hauswebseiten wird zum Königsweg für jeden Kunden.
*die Antiquare haben an Stelle ihrer Läden ihre "betretbaren" Hauswebseiten, durch die sie ihren Kunden v e r t r a u t werden. Es kommt wieder zu persönlich gefärbten Email-Korrespondenzen. Jeder Antiquar lernt es, die Käufer an sich zu binden, mit ihnen zu "sprechen".
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Wir haben es hier nicht mit Zukunftsmusik, nicht mit Spekulationen zu tun, sondern mit einem sofort und aus dem Stand realisierbaren Arbeitsvorhaben.
Was wäre von den Antiquaren dazu zu tun -am besten sofort, aber auch erst nach und nach (das Modell gefällt mir auch deshalb so gut, weil es unvollkommene, zögerliche Mitarbeit integriert und in Rechnung stellt, weil es trotz aller Faulheit und Obstruktion funktionieren kann) ?
Jeder Antiquar sollte in der Selbstdarstellung auf seiner Homepage persönlicher werden. Er muß sich immer sagen, daß er ja jeden Besucher, der von der Zentralseite zunächst auf die Themenseite seines Antiquariats gelangt und sich (hoffentlich) neugierig von dort auf die eigentliche Homepages des Geschäfts geklickt hat, als Stammkunden gewinnen möchte. Dazu wird noch viel zu schreiben, anzuregen und vorzuschlagen sein.
Vermutlich wäre der jetzt schon belämmernd wirkende "Ausweg" über vorgefertigte, standardisierte Webseiten für Antiquariate ganz kontraproduktiv. Was andere Berufe längst leisten mußten, nämlich ausführliche, persönliche Webseiten zu bauen, das muß auch der Antiquar fertigbringen, der sich bisher zurückzulehnen pflegte im Gedanken "ich verkaufe ja über die großen Portale".
Ferner - und das ist eine große Chance, die es zu nutzen gilt - hat der Antiquar jetzt wieder auf seinen Sachgebietsseiten die Möglichkeit, mit Scans, Fotos, erklärenden T e x t e n etwa zur Situation eines von ihm gepflegten Gebiets und persönlichen Anmerkungen zu arbeiten - frei und nicht mehr in das Zwangsbett der Datenbanken gepreßt.
Von der Arbeitstechnik her wird er wieder vermehrt lernen, auch bei ganz einfachen Verhältnissen, sein Lager nach Sachgebieten zu ordnen und den Bestand nach Schwerpunkten zu p f l e g e n. Das bringt rasch einen tiefgreifenden Wandel der Arbeitstechnik bei den meisten Kollegen mit sich.
Der inneren, betrieblichen Umgestaltung entspricht das Erstarken des heute ganz runierten antiquarischen Selbstbewußtseins - der Antiquar wird ja jetzt wieder Herr seines Absatzes, gewinnt ein Stück Eigenverantwortung zurück. Die Einzeltiteldatenbank wird auf kümmerliche Prozentzahlen zurückfallen.
Wer würde ihr eine Träne nachweinen?
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