
Der gequälte Twitter-Leser (Kupferstich nach Wattig 1725)
Warum habe ich jedesmal, wenn ich auf den Namen "Leander Wattig" stoße, den Eindruck, daß ich veralbert, auf dem Arm genommen, genasführt werde - und das planvoll, mit Absicht?
Es gibt ja im Netz, man kennt die Kontrahenten nicht persönlich, typische Formen von Besessenheit. Leide ich an Verfolgungswahn? Eher unwahrscheinlich, denn direkt hatten wir noch nie miteinander zu tun. Will ich die Antiquare in Schutz nehmen? Die können für sich selber sorgen, und anders als beim Kollegen Paulitz und seinem "Antiquariats-Anzeiger" sehe ich keinen Anlaß, Wattigs Medienerzeugnis zu fördern oder auch nur kritisch zu hinterfragen.
Vielleicht ist es jenes babyblaue, graphisch und auch im Text oberpeinliche Markenzeichen (oder wie nenn ich es sonst?) "Ich mach was mit Büchern", mit dem er uns vor Jahresfrist beglückt und genervt hat. Ich antwortete damals, stellvertretend für noch blödsinnigere Assoziationen, "ja, ich verwende sie als Klopapier". Inzwischen scheint er sich auf "Was mit Büchern" beschränken zu wollen, hier ist nun eine Doppeldeutigkeit gleich eingebaut und die Assoziationen dazu will ich dann doch lieber verschweigen.
Zurück zum unmittelbaren Anlaß. Über Twitter und andere wohlfeile Nachrichten-Trichter macht uns Leander Wattig bekannt mit seinem neuesten Einfall. Es handelt sich um einen Medienaggregator.
Damit darf man den Leser nicht ä r g e r n. Wattig ärgert uns gewaltig. Ich habe im Nebenberuf eine gewisse journalistische Praxis, da entwickelt man Grundbegriffe dafür, was ein Journalist tun - und was er lassen sollte.
Das Netzblatt heißt "Nachrichten aus der Buchwelt". Die schreibt er nicht selber, faßt sie, soweit ich sehe, auch nicht in eigenen Texten zusammen. Er reißt sie an, versieht sie mit seltsamen Symbolen und Zeichen, die sich dem Kundigen als weitere a u t o m a t i s c h e Zugangs- und Darbietungstechniken offenbaren.
Nun ja, man darf, man soll sogar Fremdinformationen sammeln. Geschieht es zum Beispiel wie im Börsenblatt-Netzdienst, dann hat man zunächst verantwortungsvolles Zusammenfassen sorgsam ausgewählter Kurzmeldungen, die dann durch klassische, leicht nutzbare Verlinkungen weitergeführt werden können. Zwei anspruchsvolle journalistische Leistungen kommen da zusammen, um ein lesenswertes, bei aller meiner bekannten Kritik daran doch recht gutes Medium auf die Beine zu stellen.
Leander Wattig, wir wiederholen es, tut nichts dergleichen. Schlimmer noch - er wählt nicht aus und er strukturiert nicht, er tut nur so.
Die Bücherwelt ist umfassend, ein kleines Universum, in dem man sich auskennen muß, will man darüber berichten. Dieser - erstaunlich junge - Mensch scheint vom Buchwesen leider keine Ahnung zu haben. Er vermischt die Stoffe, über die die Bücher berichten - und das ist bekanntlich die ganze Welt - mit dem Medium Buch, er vermengt die Probleme derer, die Gegenstand oder Adressaten der Bücher sind, mit denen, die die Bücher schreiben - und mit denen, die sie drucken, verlegen, ins Netz oder in Bibliothek und Archiv stellen.
Irgendwann muß ihm gedämmert haben, daß eine Sachaufteilung nicht falsch sein könnte. Also entwarf er eine Sachgebietsleiste, die derart unsäglich und, ich vergesse mich: blödsinnig aufgeteilt ist, daß sich eine gescheite Orientierung nicht nur nicht ergibt, sondern der arme Nutzer und Leser nun erst recht im Meer des Durcheinandergewürfelten untergeht.
Es ist schrecklich. Noch fürchterlicher ist die angewandte Technik. Ja, er hat auf der Technik-Uni was gelernt, und also vergewaltigt er den Leser mit lächerlichen Popups, demonstriert uns, wie schön er allen Blödsinn moderner Webseiten-Manipulierung und Leservergewaltigung beherrscht.
N i c h t s stimmt hier, nicht der Grundansatz, nicht die Ordnung, nicht die Darstellung und auch nicht jenes Mindestmaß an Rücksichtnahme und Freiheit, das der Leser auch in Webzeiten verdient hat.
Das soll nur ein Zwischenruf sein, nicht mehr, ich werde nicht wie zu Stormchens Zeiten mit Ratschlägen zum Bessermachen antraben. Nur der Zwischenruf eines gequälten Lesers:
B i t t e so nicht weiter. Nein, nicht...
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